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Ein bisschen Jazz, ein bisschen Czardas

Das Festival Musiklandschaft Westfalen wurde in Coesfeld mitreißend eröffnet

Von Arndt Zinkant

COESFELD. Wer war hier eigentlich der Star? Auf den ersten Blick József Lendvay, der lässige Violinvirtuose, der erfolgreich zwischen Klassik und ungarischer Folklore balanciert. Auf den zweiten Blick aber sah man so viele tolle Virtuosen auf der Bühne in der Grevener Bürgerhalle, dass man getrost von „Allstars“ sprechen darf. Und musikalische Grenzen existierten hier ohnehin nicht. Das Publikum feierte den Auftakt der achten „Musiklandschaft Westfalen“ mit stehenden Ovationen. Intendant Dirk Klapsing dankte den Sponsoren, da das Festival ohne öffentliche Gelder operieren muss.
„Dancing Paris“ hieß das Motto – wie die CD, die Lendvay mit dem Alliage Quintett aufgenommen hat. Die vier Saxofonisten plus Klavierbegleitung haben sich viel zurechtarrangiert, das mit der Avantgarde der 1920er Jahre ebenso zu tun hat wie mit dem Jazz – ohne mit einem von beiden wirklich identisch zu sein. Und ebenso Lendvays Mannen, die mit ihm mitreißende
Violinvirtuose József Lendvay und sein Ensemble brillierten mit ungarischen Folkloreklängen, harmonierten aber auch prächtig mit dem Alliage Quintett (nicht im Bild). Foto: Meisel-Kemper
„Gypsy-Klänge“ improvisieren, tangieren auch manchmal die Grenze zur Jazzmusik.
Ein wenig ungerecht ist das schon: Da spielt das Alliage Quintett ausgefeilte Versionen von Americana-Krachern (Bernstein und Copland), die höchstes Können erfordern – doch sobald Lendvays ungarische Folklore-Helden mit „ihrer“ ureigenen Musik die Bühne stürmen, donnern die Bravos bis aus der letzten Reihe. Aber man kann es verstehen: Die-
se Musik liegt den Musikern nicht nur im Blut, sie sind eins mit ihr. Da spielt Lendvay den Czardas von Vittorio Monti so eigenwillig und authentisch, dass man das legendäre Zugabenstück wie zum ersten Mal erlebt. Jauchzende Pianissimo-Töne und Ostinati, die schnell wie Nähmaschinennadeln gefiedelt werden. Und auch der Mann am Zymbal bricht Geschwindigkeitsrekorde.
Die Alliage-Saxofonisten sind perfekt eingespielt, nur ihre Pianistin hätte kerniger
in die Tasten greifen dürfen. Aber die eigens für diese Besetzung komponierte „Carmen“-Suite lässt an Virtuosität keine Wünsche offen. Und ist Carmen, dieser erotische Vulkan der Oper, nicht auch Zigeunerin? Am Ende standen alle Neun gemeinsam auf der Bühne – und ließen die Rumänische Rhapsodie von George Enescu vorüberfetzen. Da war dann alles drin: Folklore, tanzendes Paris, jazziger Sound und fiedelnde Spiellust.
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© Westfälische Nachrichten, Foto: Meisel-Kemper